07 May 2026, 12:23

Russell Crowe als Göring: Wie der Film Nürnberg die NS-Prozesse neu inszeniert

Cartoon-Illustration eines Gerichtssaals mit dem Titel "Boney's Trial, Sentence, and Dying Speech Europe's Injuries Revenged", die eine zentrale stehende Figur und sitzende Beobachter mit einem Tisch voller Gegenstände auf der rechten Seite zeigt.

Russell Crowe als Göring: Wie der Film Nürnberg die NS-Prozesse neu inszeniert

Ein neuer Film, Nürnberg, beleuchtet die Prozesse gegen NS-Führungskräfte 1945 aus der Perspektive eines US-Armeepsychiaters. Basierend auf Jack El-Hais Sachbuch Der Nazi und der Psychiater folgt die Produktion dem Arzt Dr. Douglas Kelley, der Hermann Göring und andere hochrangige Angeklagte begutachtet. Der Film versucht, sich mit der Banalität des Bösen auseinanderzusetzen – ein Konzept, das Hannah Arendt einst prägend analysierte –, scheitert jedoch daran, historische Tiefe mit filmischem Erzählfluss in Einklang zu bringen.

Die eindrucksvollste Szene des Films kommt früh: Fast fünf Minuten lang werden originale Aufnahmen aus Konzentrations- und Vernichtungslagern in beängstigender Stille gezeigt. Keine Musik untermalt die Bilder, zwingt die Zuschauer:innen vielmehr, sich dem ungeschminkten Grauen der Epoche zu stellen. Dieser schonungslose Ansatz steht in scharfem Kontrast zu früheren Hollywood-Produktionen wie Jakob der Lügner oder Operation Walküre, denen vorgeworfen wurde, historische Brutalität zu verharmlosen.

Russell Crowe liefert eine überzeugende Darstellung als Göring, wechselt mühelos zwischen eiskalter Autorität und täuschender Charme. Seine Performance fängt die beunruhigende Selbstverständlichkeit ein, mit der das Böse alltäglich wirken kann. Doch der Film verliert in seinem letzten Akt an Überzeugungskraft: überladene emotionale Effekte untergraben die zuvor bewahrte Zurückhaltung.

Nürnberg reiht sich ein in die lange Liste von Produktionen, die sich mit der NS-Zeit befassen – von Die Bücherdiebin, dem vorgeworfen wurde, Gräueltaten zu beschönigen, bis hin zu Dramen, die komplexe Geschichtsverläufe vereinfachen. Zwar vermeidet der Film offene Sentimentalität, doch gelingt es ihm nicht vollständig, Unterhaltung mit historischer Schwere zu versöhnen. So bleibt er hinter einer präzisen Erinnerungskultur zurück.

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Die mutigste Entscheidung des Films – der unverfälschte Einsatz von Archivmaterial – ist zugleich seine stärkste Aussage. Doch die melodramatischen Wendungen des Finalakts schwächen die Gesamtwirkung. Für das Publikum bietet Nürnberg einen fehlerbehafteten, aber zum Nachdenken anregenden Blick darauf, wie die Justiz sich einer der dunkelsten Epochen der Geschichte stellte.

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