07 May 2026, 14:20

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR Geschichte tilgte und Antisemitismus überdauerte

Metallplatte an einem Gebäude mit der Inschrift "Adolf Joseph"

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR Geschichte tilgte und Antisemitismus überdauerte

Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die getilgte jüdische Geschichte Halberstadts, einer Stadt, die einst als Zentrum des neorthodoxen Judentums galt. In „Verleugnetes Erbe“ zeigt er, wie Antisemitismus und Autoritarismus in der DDR trotz ihres antifaschistischen Anspruchs fortbestanden. Die Arbeit rekonstruiert zudem die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Halberstadts zwischen 1938 und 1942.

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Der Niedergang des jüdischen Lebens in Halberstadt begann mit der Zerstörung der Synagoge 1938. Der Historiker Martin Gabriel bezeichnet dieses Ereignis als Ausgangspunkt für den Zerfall der Stadt. Bis 1942 war die Gemeinde vollständig vernichtet.

1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge ein Mahnmal enthüllt, das an die Opfer von Zwangsarbeit erinnerte – ihre Gräber liegen unter dem Gelände. 1969 erfolgte eine Neugestaltung der Gedenkstätte, um offizielle Treueschwüre abzulegen. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Stollen des Lagers in den 1970er-Jahren zu einem Militärdepot der Nationalen Volksarmee der DDR umgebaut.

Jahrzehnte später kehrte der Antisemitismus in subtileren Formen zurück. Als 2018 das Einkaufszentrum Rathauspassagen an jüdische Eigentümer verkauft wurde, verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“. Grafs Recherchen widerlegen zudem das Selbstbild der DDR: Ihre antifaschistische Rhetorik überdeckte fortbestehende Vorurteile. Trotz weniger Ausnahmen – wie der Musik Lin Jaldatis oder den Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – tilgte der Staat das jüdische Kulturerbe weitgehend.

Das Buch argumentiert, dass sowohl rechtsextremer als auch linksautoritärer Antisemitismus in der DDR ungehindert blieb. Graf fordert eine Überprüfung alter Analyseansätze, um diese Widersprüche heute zu bewältigen.

Grafs Werk dokumentiert eine jahrzehntelang unterdrückte Geschichte. Es zeigt, wie Halberstadts jüdisches Erbe zunächst zerstört, dann ignoriert wurde – während sich der Antisemitismus in neuen Formen hielt. Die Erkenntnisse mahnen zu einer kritischen Auseinandersetzung damit, wie autoritäre Regime ihre eigene Geschichte verzerren oder verwerfen.

Quelle